20 Jahre KPÖ-Bildungsverein
Wo politische Bildung auf Kultur trifft
Der KPÖ-Bildungsverein feiert heuer sein 20-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass haben wir uns mit Ernest Kaltenegger über die Anfänge des Bildungsvereins unterhalten.
Wenn man auf die Gründung des 1. Grazer Arbeiterbildungsvereins 1868 zurückblickt und dann auf die Gründung des KPÖ-Bildungsvereins: Sehen wir uns bewusst in dieser Tradition der Arbeiterbildungsvereine?
Ja. Der Verweis auf den Arbeiterbildungsverein von 1868 in Graz ist durchaus wichtig. Zu Beginn der Arbeiterbewegung war die Situation so, dass viele Proletarierinnen und Proletarier nur sehr wenig Bildung bekommen haben. Man war der Meinung, sie bräuchten das nicht - sie müssten einfach die Maschinen beherrschen, für ihre Arbeitsabläufe trainiert werden, und das reiche.
Manchmal kommt die Haltung sogar heute wieder zum Vorschein: “Wieso sollten wir uns mit Geschichte beschäftigen? Wir bräuchten doch Leute, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und eingesetzt werden können.” Das ist ein großer Fehler, finde ich. Und das hat man damals schon rechtzeitig erkannt.
Dazu passend, ist mir noch ein sozialistischer Liedtext in Erinnerung: Der Feind, den wir am tiefsten hassen / Der uns umlagert schwarz und dicht / Das ist der Unverstand der Massen / Den nur des Geistes Schwert durchbricht.
Man wollte den Menschen also eine Bildung vermitteln, die sie durch den damaligen Schulbetrieb nicht bekommen haben - der war ja völlig anders als heute - und ihren Horizont erweitern. Das war eine Grundidee der Arbeiterbildung: Menschen dazu zu befähigen, Zusammenhänge zu erkennen. Sie sollten nicht faktisch auf fleischgewordene Maschinen reduziert werden, sondern einen weiteren Blick bekommen. Denn dann sind sie auch in der Lage, gesellschaftliche Strukturen und ihre Geschichte zu durchschauen.
Das hat später seine Fortsetzung in den Volkshochschulen gefunden. Deren Entstehung war ja ebenfalls eine Folge von Erkenntnissen der Arbeiterbewegung, und im “Roten Wien” wurde sie wesentlich ausgebaut.
Arbeiterbildung war notwendig, weil man den Menschen ansonsten vermittelt hat: Es gibt bestimmte “Größen” - wie Könige und Bischöfe - und was die sagen, stimmt - das brauche man nicht zu hinterfragen.
Was ich auch heute für sehr notwendig halte, ist, unsere Mitglieder und Sympathisantinnen und Sympathisanten dazu zu animieren und zu befähigen, Empathie zu entwickeln. Empathie bedeutet auch, sich in andere Menschen und in Andersdenkende hineinversetzen zu können.
Man darf politische Bildung nicht darauf reduzieren: “Wir haben ein Programm, das lernt ihr auswendig und dann seid ihr super Marxistinnen und Marxisten/Leninistinnen und Leninisten.” Wenn das ohne Empathie passiert, kann es eher dazu führen, dass Menschen zu Apparatschiks werden - und nicht zu klugen Politikerinnen und Politikern oder zu Menschen, die an einer gesellschaftlichen Entwicklung mithelfen wollen.
Ich bin absolut nicht gegen Programme, aber man darf die politische Bildung nicht darauf reduzieren. Empathie gehört dazu.
Ich bin deshalb immer dafür, dass der Bildungsverein ein möglichst breites Angebot hat und dass es auch immer wieder kulturelle Programme gibt - dort wo politische Bildung auf Kultur trifft. Denn über Kultur wird sehr viel vermittelt. Es gibt fantastische Romane, aus denen man viel lernen kann, großartige Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Das sollte man nie vernachlässigen oder abtun. Man muss Menschen auch über Kunst erreichen.
Ich kann mich etwa an eine ungarische Genossin erinnern, die uns gern besucht hat. Sie war Häftling in Auschwitz gewesen und hat zum Glück überlebt. Später war sie in der ungarischen Arbeiterpartei aktiv und arbeitete als Journalistin. Sie ist deshalb gern zu uns gekommen, weil sie fasziniert davon war, wie die Menschen bei uns einfach mit ihren Problemen hereingekommen sind und erzählt haben. Sie hat uns erzählt, wie es bei ihren Parteibüros war: Vorne waren Wachposten, man brauchte einen Termin. Und bei uns sind die Leute einfach hereingekommen. Ihre Ansage war: “Wer oft in die Kirche geht, lernt beten.” Wenn es Kontakte gibt, wenn jemand eine Einrichtung wie das Volkshaus oft besucht, dann lernt er die Menschen dort kennen - und lernt auch uns kennen.
Deswegen halte ich Kulturprogramme für ganz wichtig. Dann können Menschen zu uns kommen, die sich zunächst einfach nur für Kultur interessieren, und lernen uns dadurch kennen. Aber auch für uns selbst ist es wichtig, dass wir uns auch mit Kultur beschäftigen. Sonst werden wir stumpfsinnig.
Es gab außerdem viele Genossinnen und Genossen, die über die Kunst Widerstand geleistet haben - Richard Zach zum Beispiel. Bücher wurden verbrannt. Es ist wichtig Künstlerinnen und Künstler agieren zu lassen und ihnen nicht vorschreiben, was sie zu sagen haben. Das gilt auch heute.
Eine Aufgabe des Bildungsvereins ist es letztlich auch, Menschen zusammenzubringen.
Was bedeutete “Arbeiterbildung” im 19. Jahrhundert - und was kann dieser Begriff im 21. Jahrhundert noch bedeuten?
Das haben wir im Grunde schon beantwortet: Arbeiterbildung bedeutete und bedeutet, Menschen nicht auf ihre Arbeitskraft zu reduzieren. Im 19. Jahrhundert ging es darum, Arbeiterinnen und Arbeitern Bildung zugänglich zu machen. Sie sollten gesellschaftliche, politische und historische Zusammenhänge erkennen und Autoritäten hinterfragen können.
Diese Aufgabe ist im 21. Jahrhundert nicht verschwunden. Auch heute geht es darum, Menschen zu befähigen, Zusammenhänge zu verstehen, kritisch zu denken, Dinge zu hinterfragen und zugleich Empathie für andere Menschen zu entwickeln. Dazu gehören politische und historische Bildung genauso wie Kunst und Kultur.
Warum brauchte die KPÖ Steiermark einen eigenen Bildungsverein? Was war die ursprüngliche Vorstellung - eher eine “Parteischule” oder ein öffentliches Diskussionsforum/Kulturzentrum?
Die Situation war so: Wir sind 2005 in den Landtag gekommen. Dort gibt es eine Regelung, wonach die Landtagsparteien auch Bildungseinrichtungen betreiben können. Dadurch, dass wir im Landtag vertreten waren, hatten wir schließlich auch die notwendigen Ressourcen.
Die Räumlichkeiten des KPÖ-Bildungszentrums wurden entsprechend umgebaut. Davor war hier das Jugendzentrum Explosiv untergebracht, und noch früher fand sich hier unsere Druckerei. Hier wurde unsere Zeitung “Wahrheit” gedruckt.
Ursprünglich war das Haus ein Fabrikgebäude. In den 1950-er Jahren wurde es von der KPÖ erworben und als Parteihaus ausgebaut - mit den Einrichtungen damals gebraucht hat. Dazu gehörte vor allem die Druckerei: Flugblätter, Plakate und insbesondere die Zeitung wurden hier gedruckt. Anfang der 1970er Jahre wurde der Druck nach Wien verlagert. Auch der “Volkswille”, die Kärntner Ausgabe der “Wahrheit” wurde hier gedruckt.
Die ursprüngliche Vorstellung für den Bildungsverein war eine Mischung aus interner Bildungsarbeit und einer Öffnung nach außen.
Einerseits sollten unsere Funktionärinnen und Funktionäre in wichtige Bereiche eingeführt werden, in denen sie politisch aktiv sind. Sie sollten sich auskennen - bei politischen Mechanismen genauso wie bei gesetzlichen Fragen, etwa im Mietrecht oder Baurecht. Es ging darum, sie für ihre politische Arbeit zu qualifizieren.
Andererseits wollten wir aber auch nach außen wirken. Wir wollten ja nicht unter uns bleiben. Und es ging uns darum, Themen anzusprechen, die von anderen Organisationen vielleicht völlig negiert oder tabuisiert wurden. Dazu gehörte von Anfang an der Kulturbereich.
Ein Beispiel ist die Literatur. Es hat ganz großartige Erzähler und Erzählerinnen gegeben, die der KPÖ nahestanden oder auch aktiv waren. Eine davon war Franz Kain. Er stammte aus dem Salzkammergut, war ursprünglich Holzknecht, politisch hochbegabt und im Widerstand gegen den Faschismus aktiv. Er wurde verhaftet und kam auch ins Strafbataillon 999. Vom herrschenden Kulturbetrieb in Österreich wurde er lange ignoriert, weil er Kommunist war. Für mich war es dann völlig überraschend, dass ich nach seinem Tod eine Doppelseite über ihn gelesen habe, in der beschrieben wurde, was für ein bedeutender Erzähler er gewesen ist. Auch das sehe ich als unsere Aufgabe: Künstlerinnen und Künstler zu präsentieren und sichtbar zu machen.
Ich kann mich auch erinnern, dass eine unserer größten Veranstaltungen eine Ausstellung von Alfred Hrdlicka war. Rund 500 Leute sind gekommen.
Wir hatten auch eine Ausstellung mit Josef Schützenhöfer, einem sehr kritischen Maler, der sich unter anderem mit Arbeiterportraits beschäftigt hat und dem auch der Antifaschismus ein großes Anliegen war.
Künstlerinnen und Künstler schaffen es oft, Dinge viel eindrucksvoller darzustellen. Sie regen Menschen zum Denken an.
Auch Musik sollte man schätzen. Volkslieder können sehr aufsässig sein, viele davon sind in Opposition zu den Mächtigen entstanden. So etwas sollte bei uns immer Platz haben, grundsätzlich sollte man sich mit allen Genres beschäftigen.
Wenn du ein Programm von 2005 neben eines von heute legst: Hat sich etwas verändert?
Ja, natürlich. Ich würde aber nicht sagen, dass das heutige Programm im Gegensatz zu dem steht, was wir damals gemacht haben.
Es gibt einfach neue Kunstformen, neue Künstlerinnen und Künstler und neue gesellschaftliche und politische Themen, die damals noch keine oder kaum eine Rolle gespielt haben. Dazu gehören z.B. soziale Medien oder Künstliche Intelligenz.
Ein Bildungsverein muss solche Entwicklungen aufgreifen und sich mit ihnen auseinandersetzen.
Gibt es eine Veranstaltung oder Begegnung, bei der du gedacht hast: Genau dafür haben wir den Bildungsverein gegründet? Was waren für dich die Highlights?
Es hat eine Reihe großartiger Veranstaltungen und Begegnungen gegeben. Wenn ich daran denke, welche Referent:innen und Künstler:innen wir im Laufe der Jahre bei uns hatten, sind das schon prägende Erinnerungen.
Das waren etwas Alfred Hrdlicka, Esther Bejarano, Felicia Langer, Camilo Guevara, Sigi Maron, Billy Bragg, Silvia Federici, Ivan Ivanji, Boris Pahor oder Hans Völkner.
Das waren Begegnungen, die in Erinnerung bleiben.
Was freut dich besonders, wenn du siehst, wie sich der Verein seit seiner Gründung entwickelt hat? Und was können jüngere Generationen aus der Geschichte der Arbeiterbildungsbewegung mitnehmen?
Was mich freut, ist erstens, dass es den Bildungsverein weiterhin gibt. Und zweitens, dass er sich verjüngt hat.
Das ist ganz wichtig. Denn wenn du bleibst, nur weil du dich selbst für unentbehrlich hältst, dann bist du irgendwann der Letzte, der das Licht ausmacht. Und was können jüngere Generationen mitnehmen? Alles zu hinterfragen. Und auch einmal gegen den Strom zu schwimmen. Genau das hat die Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung schließlich auch gemacht. Diese Haltung sollte man beibehalten.
Veröffentlicht: 3. September 2026