AMS-Sperren haben weitreichende Folgen

Sabine F.* hat ihre Arbeit verloren. Sie ist beim AMS gemeldet, bezieht Arbeitslosengeld und bemüht sich um eine neue Stelle. Sie hat kein Internet, da sie mit ihrem Geld kaum über die Runden kommt und spart, wo sie nur kann. Deshalb nutzt sie die Infrastruktur beim AMS für ihre Bewerbungen. Dann kommt der Lockdown. Frau F. darf nicht mehr aufs Arbeitsamt. An sie gerichtete Stellenangebote gehen unter, weil sie nur auf jene reagieren kann, die ihr mit der Post zugeschickt werden. Trotzdem versucht sie alles, um eine Stelle zu finden, schreibt Initiativbewerbungen, reagiert auf Stellenangebote in Zeitungen. Eine ihrer Bewerbungen scheint erfolgreich zu sein. Man sagt ihr, sie kann mit Monatsersten anfangen. Am Tag des Arbeitsantritts wird Frau F. plötzlich krank und muss die Stelle absagen. Obwohl die angestrebte Stelle ihr nicht vom AMS vermittelt wurde, sperrt dieses ihr die Bezüge. Sie habe eine „zumutbare Beschäftigung“ nicht angenommen. Dauer der Sperre: sechs Wochen.
 

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AMS-Sperren haben für die Betroffenen weitreichende Folgen.

Plötzlich geht es um die nackte Existenz

Statt sich auf die Jobsuche konzentrieren zu können, muss sie jetzt alles unternehmen, um eine Delogierung zu verhindern: Sie klappert alle in Frage kommenden Stellen ab, bittet Verwandte und Freunde, ihr Geld zu leihen. Nachts kann sie kaum schlafen aus Angst, auch noch die Wohnung zu verlieren.

Auch Adam S. sind vom AMS die Bezüge gesperrt worden. Der 58-jährige hat im Rahmen eines Bewerbungsgesprächs ehrlich gesagt, dass er ein Bandscheibenproblem hat. Der potentielle Arbeitsgeber hat dem AMS rückgemeldet, Herr Adam wäre arbeitsunwillig. Auch ihm werden für sechs Wochen die Bezüge gestrichen. Er ist alleinstehend. Die Wohnung kostet 457 Euro im Monat. Dazu kommen 51 Euro für die Heizung und 49 Euro für Strom. Die Miete für den Jänner ist nicht zu stemmen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als alle infrage kommenden Stellen um finanzielle Unterstützung abzuklappern. Vom Roten Kreuz bekommt er einen Betrag, über die Aktion „von Mensch zu Mensch“ von Alfred Stingl treibt er auch 150 Euro auf. Und er kommt zu Bürgermeisterin Elke Kahr. Sie überweist 300 Euro von ihrem Gehalt direkt an den Vermieter. Für dieses Mal ist die Delogierung abgewendet. Doch die Angst sitzt bereits tief in den Knochen.

Vom System im Stich gelassen

Dieses System ist unmenschlich“, betont Bürgermeisterin Elke Kahr. „Wer offiziell als nicht arbeitswillig gilt, kann auch keine Sozialunterstützung beantragen. Daher bewerben sich die Leute auf Anordnung des AMS auch um Stellen, für die sie definitiv nicht geeignet sind.“ So war es auch bei einer 56-jährigen Frau, die mehr als 20 Jahre als Assistentin der Geschäftsführung in einem großen Unternehmen tätig war. Als Langzeitarbeitslose sollte sie sich um die Stelle als Staplerfahrerin in einem Automobil-Zulieferbetrieb bemühen. An Ort und Stelle wurde sie nicht nur nicht genommen, sondern auch noch ausgelacht. „Die Betroffenen erleben immer wieder Rückschläge und Demütigungen. Stellen Sie sich vor, was das mit diesen Menschen macht! Viele, die zu uns kommen, haben bereits große psychische Probleme, wissen weder ein noch aus“, berichtet uns die Leiterin einer Beschäftigungsmaßnahme. „In den wenigen Monaten, wo sie bei uns sind, versuchen wir sie wieder aufzurichten“.

Die rigide Vorgehensweise bei Ansuchen um Invaliditäts- bzw. Berufsunfähigkeitspension und die Zurückweisung vieler Anträge trotz Krankheit verschärft die Lage noch. „Diese Menschen, die im Grunde nicht mehr arbeitsfähig sind, landen wieder in einem System, wo sie sich um Arbeit bemühen müssen, obwohl sie kaum realistische Chancen auf einen Job haben. Und ich darf dem AMS nicht einmal rückmelden, dass diese Personen arbeitsunfähig sind, denn dann sagt das AMS, dass es nicht zuständig ist, und die Betroffenen verlieren ihre Ansprüche“, so die Projektleiterin.

Wertschätzung statt Sanktionen!

Auch auf den AMS-Berater:innen lastet ein hoher Druck: Die Vorgaben, Menschen rasch in Beschäftigung zu bringen, ihnen bei geringsten Anlässen Bezüge zu sperren, die hohe Anzahl an zu Betreuenden, Termine im 15-Minuten-Takt, die kaum eine fundierte Beratung, geschweige denn, Verschnaufpausen zulassen, das alles macht vielen von ihnen zu schaffen.

Diese Art, mit Mitmenschen umzugehen, nützt keinem der Beteiligten. Die meisten von ihnen wollen einen Job finden, eine Ausbildung machen, ihr eigenes Geld verdienen. Doch diese Vorgehensweise führt bei den Betroffenen nur zu Verzweiflung, Scham, psychischen Problemen und Existenzangst. Das muss aufhören“, fordert Elke Kahr. Sie appelliert an das Arbeitsmarktservice, Menschen ohne Beschäftigung Wertschätzung entgegenzubringen, ihnen Mut zu machen und sie zu stärken, anstatt ihnen misstrauisch und mit Sanktionen zu begegnen.

3. März 2022