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Auf der Seite derer, die nichts zu verlieren haben als ihre Ketten

Elke Kahr zum 60. Todestag von Bertolt Brecht

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Bertolt Brecht (1898–1956) Bild: Bundesarchiv / Jörg Kolbe / CC-BY-SA 3.0

„Bertolt Brecht, der mir wie kein anderer imponiert – vor allem sein bedingungsloses Eintreten für die einfachen Menschen.“ Das sagte die Grazer KPÖ-Vizebürgermeisterin Elke Kahr anlässlich des 60. Todestages des großen Schriftstellers. Obwohl er selbst aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie stammte, stellte er sich stets auf die Seite derer, die im Kapitalismus nichts zu verlieren haben als ihre Ketten.
Brecht bringt seine Haltung in einem Gedicht auf den Punkt, das er 1935 im dänischen Exil verfasst hat, den

›Fragen eines lesenden Arbeiters

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon

Wer baute es so viele Male auf?
In welchen Häusern des goldstrahlenden Limas wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war die Maurer?
Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?

Über wen triumphierten die Cäsaren?
Hatte das vielbesungene Byzanz nur Paläste für seine Bewohner?
Selbst in dem sagenhaften Atlantis brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg.
Wer siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.

Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte. So viele Fragen.

16. August 2016