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Der Grünanger und die KPÖ

Reportage in der Zeitschrift Falter

Die Holzhütten am Grünanger im Grazer Bezirk Liebenau werden allgemein „Baracken“ genannt, selbst von Leuten, die darin wohnen. Auf einige trifft die Bezeichnung zu, sie sind verfallen, im Garten türmt sich Sperrmüll. Vor einem Häuschen kocht ein Mann in zerschlissenen Kleidern auf einem Gaskocher, drei Krähen flattern um den Kochtopf herum. Nur eine Straße weiter wähnt man sich dagegen in einer Schrebergartensiedlung – frisch gestrichene Holzhäuschen mit adretten Gärten reihen sich aneinander, Baracken sehen anders aus.

Die Holzhütten am Grünanger sind Kategorie-C-Gemeindewohnungen, das heißt grundsätzlich nur mit kaltem Wasser und Klo ausgestattet; viele von ihnen haben kein Badezimmer, alle werden mit Holz oder Kohle beheizt. 180 Euro beträgt die Miete für eine Barackenhälfte. 33.000 Grazer sind armutsgefährdet, vermeldete kürzlich SP-Sozialstadträtin Elke Edlinger. Am Grünanger wird die Armut an manchen Stellen sichtbar.

Am Grünanger und im angrenzenden Schönauviertel liegt der Anteil der „berufslosen Einkommensempfänger‚ etwa Pensionisten und Sozialhilfeempfänger, bei einem Drittel, im Grazer Durchschnitt ist es nur ein gutes Viertel. Auch der Anteil der Gemeindewohnungen und der allein erziehenden Mütter ist in den zwei Gebieten überdurchschnittlich, ebenso wie der Anteil jener, die nur einen Pflichtschulabschluss haben. Studenten sammelten diese Daten, die auf der letzten Volkszählung basieren, im Rahmen eines Forschungsprojektes für das Sozialmedizinische Zentrum Liebenau (SMZ). Sie kommen zu dem Schluss, dass man bei Grünanger und Schönauviertel von einem „benachteiligten Stadtgebiet“ sprechen kann.

Auf eigene Faust
Eine besondere Rolle spielt die Barackensiedlung. In vielen der rund siebzig Wohnungen leben Leute, die in einem Mehrparteienhaus wegen ihrer Angewohnheiten anecken würden, erklärt die KP-Wohnungsstadträtin Elke Kahr. Viele Bewohner hatten es nicht leicht im Leben, leiden unter psychischen Problemen oder haben Probleme mit Alkohol und Drogen, sind mittlerweile Frühpensionisten oder empfangen Sozialhilfe. Sie wohnen in den Baracken neben Altmietern, die hier seit Jahrzehnten leben, und Mietern, die einer regelmäßigen Arbeit nachgehen und keine solchen Probleme haben. Vor zehn Jahren hatte der Stadtsenat bereits beschlossen, die Siedlung abzureißen und durch Mehrparteienhäuser zu ersetzen. Der Plan scheiterte am Widerstand der Bewohner, auch das SMZ und die Pfarren engagierten sich.

Seither hat sich am Grünanger viel getan. Stadträtin Kahr deutet auf die Hütten: „Wir bräuchten mehr solcher Siedlungen.“ In Wien sind Konflikte im Gemeindebau derzeit ein großes Wahlkampfthema. Am Grünanger, sagt Kahr, sei die Wohnzufriedenheit größer und gebe es weniger Konflikte als in anderen Gemeindebauten. Der Grund: Am Grünanger hat jeder seinen Bereich und seinen Garten, in dem er sich beschäftigen kann. Trotz des teilweise niedrigen Wohnstandards und der ungewöhnlichen Nachbarschaft ist die Barackensiedlung für viele ein letzter Zufluchtsort.

Manche können sich gar nicht vorstellen, in eine andere Wohnung umzuziehen. Zum Beispiel Herr Walter*, Pensionist, Anfang fünfzig, Trägerhemd, tätowierter Oberarm, lange Haare. Er ist in der Barackensiedlung aufgewachsen, 14 Leute hätten damals in drei Räumen gelebt, erzählt er. Zwischendurch hat der gelernte Dachdecker in einem Hochhaus gewohnt, doch das war nichts für ihn: „Ich habe geschaut, dass ich wieder zum Grünanger komme, seit zehn Jahren wohne ich wieder hier.“ Wer einen Blick in seinen Garten wirft, versteht, warum Herr Walter sich in einem Mehrparteienhaus schwertun würde: Früher ist er auf Flohmärkte gefahren, noch heute türmt sich auf dem Grundstück Plunder neben einem alten VW-Bus und einer Mischmaschine. Am Grünanger stört das keinen.

Auch nicht Stefanie Benedikt, die 73-jährige Pensionistin ist Herrn Walters Nachbarin. Sie hat früher bei den Puchwerken gearbeitet, jetzt steht sie in der Küchenschürze vor ihrem gepflegten Haus und sagt: „Es ist wurscht, wo man wohnt, wichtig ist, wie man wohnt.“ Frau Benedikt zog vor 34 Jahren in die Siedlung, damals wohnten hier vor allem Arbeiter aus den Puchwerken.

Als sich in den Neunzigerjahren abzeichnete, dass die Hütten abgerissen werden sollen, wurden leerstehende übergangsmäßig dem Sozialamt übergeben. Damals zogen vermehrt sozial benachteiligte Mieter ein. „Nach dem Motto: Es ist egal, wenn sie abgewohnt werden, weil sie abgerissen werden“, erinnert sich der damalige KP-Wohnungsstadtrat Ernest Kaltenegger. Natürlich sei das ein seltsamer Zugang, so Kaltenegger: „Aber für Leute, die keine Unterkunft hatten, war die Barackensiedlung eine Verbesserung.“ Frau Benedikt hat sich damit arrangiert, ihrem Nachbarn Herrn Gerry hilft sie, etwa wenn es darum geht, bei den Behörden anzurufen.

Herr Gerry lebt von der Sozialhilfe. An diesem Tag ist er aufgeregt, sein Fernseher funktioniert nicht, und die HTL-Schüler, die versprochen haben, sein Haus noch vor dem Winter zu isolieren, sind nicht aufgetaucht.

Die Stadt Graz hat jährlich 60.000 Euro für den Grünanger zur Verfügung, um die Häuser zu renovieren. „Sie waren in schlechtem Zustand, viele waren nur Holzlatten“, sagt Stadträtin Kahr. Derzeit fließt aber das gesamte Budget in die Erneuerung des Wasserleitungsnetzes. Auch die Caritas, der Bauorden, HTL und Berufsschule St. Peter legen im Rahmen der Ausbildung Hand am Grünanger an.

Die Bewohner haben ihre Hütten auch auf eigene Faust ausgebaut, wie viele hat Herr Walter in einem Zubau eine Dusche untergebracht, Herr Konstantin hat sich sogar eine Art Wintergarten gebaut. Die Behörde drückt, was Genehmigungen betrifft, oft ein Auge zu, sagt Kahr: „Hier wird die Originalität und Eigenwilligkeit der Leute in besonderem Maß toleriert.“ Ein nicht genehmigter Zubau, Schrottautos oder Gerümpel im Garten – im Grünanger ist das nicht so schlimm. Auch die Nachbarn seien toleranter, wenn es ein gewisses Maß nicht überschreitet.

„Sie müssen einander nicht jeden Tag im Stiegenhaus begegnen“, sagt Hausverwalter Werner Jörg, der die Barackensiedlung seit 1997 für die Stadt betreut. Wenn das Gerümpel in den Himmel wächst, muss Jörg die Bewohner auffordern, Ordnung zu schaffen. Als letzte Konsequenz bleibt ihm, den Garten räumen zu lassen, was selten geschieht. „Das kostet 500 Euro und trifft Leute, die nichts haben.“ Vor Jahren hat sich ein Bewohner im Grünanger Ziegen gehalten, die Stadt schritt nicht ein. Die Nachbarn litten allerdings unter Geruchsbelästigung und eines Tages stand das Haus in Flammen. „Die Polizei stellte fest, dass es Brandstiftung war“, sagt Jörg.

Die heutige Grünangersiedlung wurde 1946 von der Stadt gebaut, um die Wohnungsnot zu lindern, erklärt Stadthistoriker Karl-Albrecht Kubinzky. Während der Nazizeit hätten sich in der Gegend unzählige Baracken für Zwangsarbeiter und umgesiedelte Volksdeutsche befunden. Herr Walter erinnert sich an seine Kindheit und Jugend am Grünanger, in den Sechzigerjahren sei es in der Barackensiedlung härter zugegangen. „Ein Polizeiauto alleine hat sich nicht durchgetraut.“ Die Jugendlichen vom Grünanger hätten sich oft mit jenen aus der Triestersiedlung, dem großen Gemeindebau am anderen Murufer, geprügelt. „Meistens ging es um Mädchen. Der Puchsteg war die Grenze.“ Seine Nachbarin Frau Benedikt hat all die Jahre jedoch nie Angst gehabt: „Wir haben nie die Tür zugesperrt.“

Nicht alle fühlen sich am Grünanger so wohl wie Frau Benedikt. Zum Beispiel Herr Konstantin, der Tee und Kuchen in einer Art Wintergarten aufwartet. Vor dem Häuschen schwimmen Goldfische in einem Teich. Das alles hat er selbst gebaut. „Aber der Preis, hier zu wohnen, ist gesellschaftliche Ächtung.“ Selbst wenn er goldene Türknöpfe hätte, sagt er, wäre es noch immer eine Baracke. „Ich kann die anderen Bewohner nicht verändern, aber sie verändern mit der Zeit mich. Deshalb will ich weg.“

Entsteht am Grünanger eine Art Ghetto? Inge Zelinka-Roitner, Soziologin am SMZ, sieht die alten Holzhäuser nicht als Ghetto: „Dafür sind die Leute zu zufrieden, es gibt keine Gewalt in den Straßen, und die Menschen haben viel Freiraum.“ Kritischer beurteilt sie die Situation in den neuen Wohnungen, moderne Modulbauten, die 2006 fertig gestellt wurden. „Da wohnen die Leute dicht nebeneinander.“

„Das Grätzel ist ruhig“
Mit den neuen Gemeindebauten am Grünanger wurden in Graz seit dreißig Jahren erstmals wieder Sozialwohnungen durch die öffentliche Hand errichtet, im Jahr 2008 waren sie für den Architekturpreis des Landes nominiert. Einer, der mit der Umsetzung nicht zufrieden ist, ist Architekt Hubert Rieß, der sich jahrelang mit dem Grünanger beschäftigt hat: „Das gerade für die sozial Schwächsten so hinzurotzen ist bedauerlich.“ Sein Idealmodell, für das es ein eigens entwickeltes Energiesystem gab, wurde nicht umgesetzt, kritisiert er. Statt mit Holz wurde mit zementgebundenen Spanplatten gebaut, auf den pflanzlichen Sichtschutz und Efeubewuchs der Außenwände wurde verzichtet. In die 35 neuen Wohnungen sind vermehrt Familien eingezogen. „So vermeiden wir eine Ghettoisierung“, sagt Stadträtin Kahr.

Seit der Debatte um den Abriss der Holzhäuser existiert auch der „Round Table Grünanger“, bei dem sich Sozialarbeiter und Ärzte des SMZ Liebenau, engagierte Privatleute und Polizei regelmäßig treffen. Aus den angrenzenden Wohnblöcken sind eine Handvoll Leute gekommen, ein paar ältere Damen aus der Barackensiedlung blieben weg. „Aus Angst vor der Dunkelheit“, glaubt Sozialarbeiterin Petra Steiner. Grund für die Angst gebe es laut Bezirkskontaktbeamten Michael Scheibner nicht: „Das Grätzel ist sehr ruhig.“

Seit genau einem Jahr läuft im Gebiet Grünanger und Schönausiedlung zudem „stages“, ein Stadtteilprojekt des SMZ zur Gesundheitsförderung, das vom Fonds Gesundes Österreich und dem Land Steiermark für drei Jahre finanziert wird. „Es geht darum, den Leuten zu helfen, sich selbst zu helfen“, sagt SMZ-Obmann Rainer Possert. Im Rahmen von „stages“ werden gesundheitliche und soziale Beratung angeboten, Feste veranstaltet und einmal pro Woche gibt es einen Walkingkurs mit medizinischer Betreuung. „Stages“ ist das einzige Projekt seiner Art in Graz. Während es in Wien längst Gebietsbetreuungen gibt, steckt die Siedlungsbetreuung der schwarz-grünen Stadtregierung noch immer in der Planungsphase. „Wir haben jetzt eine Koordinatorin in der Stadtbaudirektion, aber es gibt noch kein konkretes Projekt und keinen Zeitplan“, sagt der grüne Gemeinderat Heinz Baumann, der sich für Graz eine Gebietsbetreuung wie in Wien wünscht. „‚Stages‘ sollte erweitert werden.“ Bedarf gebe es, Zelinka-Roitner vom SMZ erzählt von Konflikten zwischen in- und ausländischen Bewohnern in benachbarten Siedlungen. Bei der letzten Nationalratswahl haben in dem Viertel 36,8 Prozent FPÖ oder BZÖ gewählt. Ab nächstem Jahr will Kahr Mediatoren einsetzen, die in den Gemeindebausiedlungen unterwegs sind und bei Konflikten weiterhelfen sollen.

Manche kommen zurück
Sozialarbeiterin Petra Steiner sucht im Rahmen von „stages“ auch Klienten in der Barackensiedlung auf. Ohne sie wäre Herr Thomas an diesem Tag buchstäblich im Dunkeln gestanden. Er hat die Stromrechnung nicht bezahlt. Frau Steiner regelt das an Ort und Stelle telefonisch. Herr Thomas ist Mitte der Neunziger eingezogen. Das Sozialamt bot ihm eine Wohnung an, damit er das Haus verlässt, das er mit einigen Punks vier Jahre lang besetzt hatte. Herr Thomas war heroinabhängig, seit einem Jahr hat er den Absprung geschafft, braucht keine Drogenersatzmittel mehr, mittlerweile ist er in Frühpension. Sein Häuschen ist unaufgeräumt, es riecht nach Hund und kaltem Rauch. Trotzdem fühlt er sich hier so wohl, dass er nicht weg will: „Ich ziehe nicht in ein Wohnklo in der Stadt.“ Um nicht zu vereinsamen, malt Herr Thomas im Atelier von Pro Mente. Viele Leute blieben in der Barackensiedlung eher für sich, beobachtet Sozialarbeiterin Steiner: „Berührungsängste gibt es zu den Drogensüchtigen und den psychisch Kranken.“ Auch unter dem schlechten Ruf der Siedlung litten die Bewohner: „Wäre der weg, würde es ihnen schon besser gehen.“

Trotzdem stehen derzeit 35 Interessierte auf der Warteliste für ein Häuschen. Inzwischen gibt es welche, die zurückkehren. Am ersten Dezember ist eine ehemalige Bewohnerin wieder in eine Baracke gezogen, wo sie vor zwanzig Jahren gelebt und ihre Kinder großgezogen hat.

(Falter/50/09)

9. Dezember 2009