Elke Kahr: „Was mich antreibt? Der Glaube an eine gerechtere Welt!“

KPÖ-Stadträtin Elke Kahr über Menschen, denen es nicht so gut geht, und die Grazer Stadtpolitik. Das große Stadtblatt-Interview vor der Wahl.

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Kein Anliegen kann noch zu klein oder zu groß sein für Elke Kahr.

Was war deine Motivation, in die Politik zu gehen?

Als ich 17 war und angefangen habe zu arbeiten, habe ich bewusst wahrgenommen, wie es Menschen in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, gegangen ist. Es gab viele Ungerechtigkeiten und ich habe Menschen gesucht, die gleich denken. Viele, mit denen ich darüber geredet habe, meinten, ich rede wie eine Kommunistin. Deswegen habe ich zu den Grazer Kommunisten Kontakt aufgenommen. Hier bin ich auf Ernst Kaltenegger gestoßen, da hat sich eine enge Zusammenarbeit ergeben. Ich war bei Veranstaltungen, habe viele Leute kennengelernt und mich menschlich wie auch thematisch hier aufgehoben gefühlt. Das ist noch heute so.


Hat sich die KPÖ durch dich verändert?

Ich wollte eigentlich nie eine öffentliche Karriere in der Politik. 1985 wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen kann als Angestellte mitzuarbeiten. Mithelfen bei der Betriebsarbeit, bei der Gemeinderatsarbeit, Plakatieren. Einfach alles geben, damit wir wachsen, stärker werden, ein offenes Haus werden. Ich habe immer schon viel Wert gelegt, dass alles schön und offen ist. Die Qualität war mir wichtig, das fängt bei Tischdekoration bei Veranstaltungen an, bei gutem und leistbarem Essen und Getränken. Die Partei ist offener geworden.


Wie ist die Partei aufgestellt?

Eine Partei ist wie eine Ameisenhaufen, jeder muss seinen Platz und seine Aufgabe haben, damit es funktioniert. Es ist ein Miteinander, ein Zusammenhalt. Jeder hat Stärken, die er einbringt. Es braucht eine Zusammenarbeit zwischen Jung und Alt, Männern und Frauen, Menschen, egal woher sie kommen. So wie wir uns die Gesellschaft wünschen, muss auch die Partei sein und nach diesem Credo handeln. Einer allein weiß viel, viele wissen noch viel mehr. Deswegen ist die Gemeinschaft so wichtig. Das stärkt mich und gibt mir Kraft.

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Wie hast du dich verändert, seit deinen Anfängen in der Politik?

Nicht viel, ich habe immer versucht, mir treu zu bleiben, offen auf Menschen zuzugehen und immer glaubwürdig zu sein. Nichts ist unwichtig und kein Anliegen zu klein. Die Arbeit ist mir immer leichtgefallen, weil ich es auch wirklich gerne mache. Ich habe immer einen Sinn darin gesehen und das tue ich noch immer.


Welche Rolle nimmt die KPÖ im Gemeinderat ein?

Seitdem wir im Gemeinderat vertreten sind, bringen wir die Probleme, Anregungen und Wünsche der Grazerinnen ins Stadtparlament. Ein Großteil der Initiativen, die wir einbringen, ist ein Abbild von dem, was uns im Alltag begegnet und da spreche ich für jede Gemeinderätin und jeden Gemeinderat der KPÖ. Wir sind eine Partei mit großen Zielen und wollen weiterhin viel verändern.


Was treibt dich nach 24 Jahren in der Stadtpolitik an?

Der Glaube an eine sozial gerechtere Welt, in der auch die, auf die jetzt alle vergessen, zu ihrem Recht kommen. Und die vielen Geschichten der Leute. Wenn man sieht, was die Leute so leisten, wie sie mit Schicksalsschläge umgehen, wie sie an Herausforderungen wachsen. Wie sie aus Fehlern gestärkt hervorgehen.


Wie nimmst du Menschen wahr, denen es im Leben nicht so gut geht?

Ein erster Schritt ist das Vertrauen in die Menschen. Es gibt viele – vor allem Junge - , die niemanden haben, der an sie glaubt! In meinen Sozialsprechstunden beobachte ich, dass die Leute, die mit gesenkten Köpfen zu mir kommen, oft nur ein wenig Zustimmung und Bestätigung brauchen und dann gestärkt und selbstbewusster wieder aus meinem Büro gehen.


Wie behält man bei einem so vollen Terminkalender die Übersicht? Welche Prioritäten setzt du dir?

Privat bin ich leider sehr nachlässig, aber ich habe einen wunderbaren Partner, der mich an Zahlungen und Termine erinnert. (lacht) In der Arbeit ist das anders. Ich setze Prioritäten. Auch wenn ich einen vollen Terminkalender habe, werde ich für soziale Notfälle immer Zeit haben. Und die Leute, die dann ein wenig warten müssen, haben auch immer Verständnis. Wenn es um Fristen, Wohnungslosigkeit, Krankheit oder plötzliche Schicksalsschläge geht, muss man schnell handeln.

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Du begegnest so vielen Menschen und doch kannst du dich nahezu an jeden erinnern, wie machst du das?

So wie sich der eine Zahlen merkt, so merke ich mir Gesichter, Menschen, ihre Geschichten und Schicksale. Ich bin neugierig auf jeden Menschen, das war schon immer so.


Was würdest du dir von der Gesellschaft wünschen?

Dass man ein bissal mehr aufeinander schaut, Gemeinschaft lebt, hinschaut, Zivilcourage zeigt. Dein Daheim ist so, wie du deine Nachbarschaft pflegst.


Die KPÖ war immer eine Partei, die sich für die arbeitenden Leute eingesetzt hat. Wie beurteilst du die aktuelle Lage?

Es wird immer versucht, die arbeitenden Leute klein zu halten. Die, die das Radl am Laufen halten, haben am wenigsten zu sagen. Das gehört wieder umgedreht. Nicht die Banker und Vermögensberater sind die Systemerhalter. Bei den Lockdowns hat man wirklich gesehen, wer den Laden am Laufen hält. Kurz wurden sie hochgelobt, schnell wurden sie wieder vergessen. Und jetzt dreht die Wirtschaft es so, dass man froh sein kann, wenn man überhaupt einen Job hat. Die Menschen werden von Arbeitsgebern oder dem AMS oft gegängelt. Krank sein wird zur Mutprobe und prekäre Arbeitsbedingungen sind nach wie vor präsent.


Eines deiner Aufgaben ist die Verkehrspolitik. Inwiefern kann man im Verkehrsressort sozial agieren?

Wenn jemand anruft und ein Verkehrsanliegen hat, dann gehen wir – also ich oder jemand aus meinem Team – vor Ort. Wir schauen uns die kleinen Probleme genauso an, wie die großen. Die Themen sind weitreichend: von der Wohnstraße, bis zum Loch in der Straße, Baustellen, wo die Beschilderungen nicht passen. Soziales ist da auf jeden Fall präsent.


Welchen sozialen Stellenwert hat der öffentliche Verkehr?

Zum einen betrifft er alle in Graz lebenden Menschen, zum anderen muss darauf geachtet werden, dass die Öffis leistbar bleiben. Es hat viele Lücken gegeben, die durch uns geschlossen wurden, sei es, dass Kinder, die später in die Schule gekommen sind und das sechste Lebensjahr schon erreicht hatten, gleich viel zahlen mussten wie Erwachsene. Darauf wurde ich von vielen Eltern, die in meine Sprechstunden kamen, aufmerksam gemacht. Wir haben es geschafft, dass Kinder bis zum Schulantritt gratis fahren.

Auch die Mobilitätskarte für Sozialcard-InhaberInnen haben wir als KPÖ damals ins Rollen gebracht.

Wir haben immer die soziale Komponente im Verkehr gesehen!

Es gibt viele Kleinigkeiten, die in der Verkehrspolitik nicht so rauskommen, aber sehr wichtig sind, seien es Radfahr-Training für SeniorInnen oder Elternhaltestellen.


Welche Prioritäten setzt die KPÖ?

Für die KPÖ war der Öffentliche Verkehr immer das Rückgrat, das zweite Verkehrsmittel nach den Öffis ist das Fahrrad. Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Radinfrastruktur weiterentwickelt wird.

Das war auch ein Grund, warum wir das Radtraining für Kinder ausgeweitet haben. Es sind so viele Kinder durch die Radfahrprüfung gefallen und haben die Freude am Fahren verloren. Deswegen haben wir diese Angebote geschaffen und auch auf für die Oberstufe ausgeweitet. Radfahren muss in der jungen Generation verankert werden.


Worauf bist du in der Stadtentwicklung besonders stolz?

Ich habe echt eine Freude, dass wir Begegnungszonen am Ortweinplatz und am Lendplatz schaffen konnte. Das war ein Meilenstein. Über viele Jahre haben sich meine Vorgänger nicht drübergetraut - warum auch immer. Es sind noch Kleinigkeiten, aber die Leute haben eine große Freude.


Wie gehst du mit Kritik um?

Ich finde Kritik sehr wichtig. Es gibt immer unterschiedliche Sichtweisen. Es muss legitim sein, dass es jemand anders sieht. Der eine will mehr PKW-Stellplätze, ein anderer will breitere Radwege, ein dritter eine Wohnstraße.


Worauf kommt es in der Grazer Verkehrsplanung nun vorrangig an?

Wenn wir Lebensqualität erhalten wollen, müssen wir schauen, dass die Leute die Möglichkeit haben, auf das Rad und die Öffis umzusteigen. Die Aufgabe der Politik ist es, ein Angebot zu schaffen, das Rad- und Öffi-Netz zu verbessern und immer weiter auszubauen. Dort, wo es das gibt, gibt es keine Ausrede, ein Auto zu nutzen.

29. September 2021