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Elke Kahr zur Suchtpolitik

Ursachen und Fakten

In den vergangenen Jahren wurden in Graz alle Maßnahmen in der Drogenpolitik jeweils immer gemeinsam und parteienübergreifend behandelt und beschlossen - sowohl das Suchtkonzept der Stadt Graz, wie auch die Einrichtung des Kontaktladens oder die Kriterien für die Förderung von Präventionsprogrammen in Schulen.

Diese gemeinsame Vorgangsweise war und ist gut so und soll auch so bleiben. Wer mit Suchtpolitik schnelles politisches Kleingeld erzielen möchte, betreibt mit Sucht Politik und ist für die Lösung des Problems wenig hilfreich.

Wenn ein Antrag beschlossen wird, der primär repressive Maßnahmen zur Drogenbekämpfung vorsieht, so ist dem grundsätzlich zuzustimmen. Gleichzeitig müssen wir aber auch noch einmal stärker als bisher die Einrichtungen, die konkrete medizinische und soziale Hilfen anbieten und präventiv arbeiten, ausbauen und langfristig absichern.

Zu den Fakten:
Am letzen Wochenende wurde in einer großen Tageszeitung von 7.000 Drogenabhängigen in Graz gesprochen. Ich weiß nicht woher diese Angabe stammt, wie diese Zahl eruiert wurde und vor allem weiß wahrscheinlich niemand genau, welche Drogenabhängigkeit damit gemeint ist. Der Begriff "Drogenabhängige" suggeriert jedenfalls den Konsum illegaler Substanzen, wahrscheinlich ist aber die Gesamtheit der Personen gemeint, die von verschiedensten Substanzen abhängig sind - sei es Alkohol, Nikotin, oder Opiate, Cannabis, Medikamente etc. Für diesen Fall wird diese Zahl wohl realistisch sein.

Ich kenne jedoch keine Expertenangabe, dass 7.000 Personen in Graz von Illegalem Drogenkonsum abhängig seien. Zu den Fakten, auf die wir seitens des Gesundheitsamtes zurückgreifen können:

Im Substitutions- d.h. Ersatzdrogenprogramm sind mit Stand 28. März 2006 exakt 491 Personen aufgenommen. Auch stimmt die Behauptung, dass bereits 13jährige im Substitutionsprogramm seien, für Graz nicht. Von den 491 Klienten ist gerade eine Person noch nicht volljährig. Diese Person ist 17 Jahre alt.

Im Grazer Kontaktladen werden insgesamt 600 Personen laufend betreut. Diese Zahl hat sich in den letzten Jahren von ca. 400 auf mittlerweile ca. 600 erhöht.

Was wir aber nicht wissen, ist die Zahl jener, wahrscheinlich vor allem jungen Menschen, die nicht im Substitutionsprogramm sind, die nicht im Kontaktladen, im LSF oder in der Drogenberatungsstelle betreut werden, und die möglicherweise weitgehend unauffällig konsumieren.

D.h. die KlientInnen-Zahlen in den Einrichtungen steigen tendeziell an, sie erreichen aber nicht das kolportierte Ausmaß. Dieser Anstieg ist für uns aber das Signal, die bestehende Einrichtung des Kontaktladens in der Grazer Orpheumgasse auch für die kommenden Jahre zu erhalten. Der Vertrag, den die Stadt Graz mit dem Kontaktladen der Caritas hat, läuft mit heurigem Jahr aus und muss für die nächsten Jahre erneuert werden. Eine weitere Forderung - im Sinne der "Harm reduction" - aslo der Schadensreduzierung wäre die dringend notwendige Einrichtung einer sogenannten Substitutionsambulanz. Substitutionsklienten werden derzeit von niedergelassenen Ärzten sowie dem LSF und dem LKH betreut. Die Qualität und auch die quantitative Betreuung wie auch die Zahl der Entzugsplätze im LSF und im "walk about" müssen aber ausgebaut werden.

Zu den Ursachen:
Wann immer das Thema Drogenabhängigkeit zur Sprache kommt, wird sofort die Frage nach den Ursachen gestellt und damit ein Karussell, in dem sich gegenseitig die Verantwortung zugeschoben wird, in Gang gesetzt. Besorgte Eltern rufen nach der Polizei, die Polizei ruft nach Sozialarbeitern oder Präventionsprogrammen in den Schulen, Sozialarbeiter verlangen mehr Arbeitsplätze und Lebensperspektiven für junge Menschen und alle gemeinsam orten die Verantwortung letztlich bei der Politik.

Dazu möchte ich in Erinnerung rufen, dass sich die Berufs- und Lebesnperspektiven der jügeren Generation gravierend verändert haben. Wer noch in den Sechziger- oder Siebziger Jahren über einen Schulabschluss - oder manchmal nicht einmal das - verfügte, fand weitgehend problemlos eine Arbeitsstelle und konnte - wenn er oder sie sich nicht ganz ungeschickt anstellte - damit rechnen, sich dadurch längerfristig eine Existenz auzubauen. Wer Matura oder gar einen Studienabschluss hatte, genoß nicht nur entsprechendes Sozialprestige, sondern konnte auch auf entsprechende berufliche Perspektiven setzen.

Heute hingegen erfahren junge Leute, dass ein Schul- oder Lehrabschluss nichts, eine Matura auch nichts und nicht einmal ein Studienabschluss eine Sicherheit in Bezug auf eine Arbeitsstelle gewährleisten. Unsere Arbeitswelt fordert heute neben großer Disziplin, Loyalität und Leistungsbereitschaft ein großes Maß an physischer bzw. psychischer Belastbarkeit, örtlicher und zeitlicher Flexibilität und vieles mehr - und gewährt vergleichsweise keine Sicherheiten. Im Gegenteil: hinter dem Schlagwort des "lebenslangen Lernens" verbirgt sich die Ankündigung:"Was du weißt, kannst und leistest, reicht nur für den Moment, es wird aber nie genug sein."

Das sind Bedingungen, die sich gravierend von jenen vergangener Jahrzehnte unterscheiden und wir dürfen uns nicht wundern, dass gerade junge Menschen in Suchtabhängigkeit fliehen und sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlen, das sie sich selbst an diesem einrichten. Das sind Bedingungen, die nicht notgedrungen zu Drogenkonsum führen müssen, aber sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit zu diesem.

Wir können diese Rahmenbedingungen nicht schlagartig ändern, aber es soll uns vor diesem Hintergrund bewusst sein, dass gesellschaftliche Phänomene wie jener des Drogenkonsums nicht losgelöst von ökonomischen, sozialen und gesellschaftlichen Prozessen stattfinden.

Vor diesem Hintergrund müssen wir aus meiner Sicht in den kommenden Monaten dringend den "blinden Fleck" der jugendlichen und weitgehend unauffällig konsumierenden jungen Menschen erheben. Wir brauchen für diese notwendige empirische Basis dabei vor allem das Zusammenwirken aller relevanten Einrichtungen, beispielsweise auch aller Streetworker und Sozialarbeiter aus dem Sozialressort.

Wenn jetzt repressive Maßnahmen gefordert werden, dann sollten wir daher als nächste Schritte sofort auch folgende vornehmen:

1. Einrichtungen, die zur Schadensminimierung beitragen, nicht nur erhalten, sondern ausbauen - Stichwort Kontaktladen.
2. Einrichtunge, die wir dringend für die Versorgung von Substitutionsklienten benötigen, neu schaffen - Stichwort Substitutionsambulanz.
3. Die Situation in Bezug auf junge Konsumenten, die nicht im Programm oder in Einrichtungen sind, erheben - z.B. über einen eigenen Schwerpunkt der von der Stadt geförderten Streetworker.
4. Brennpunkte entschärfen, z.B. öffentliche Toiletten mit Spritzenboxen ausstatten, jedenfalls aber auch personell besetzen.

Die Situation und diese Maßnahmen brauchen nicht nur Verständnis, sondern vor allem parteienübergreifendes Handeln!

3. April 2006