»Helfen, wo andere leere Versprechen machen«

Seit 2017 ist Robert Krotzer Stadtrat für Gesundheit und Pflege in Graz – ein Gespräch über Erreichtes und Verhindertes, über die Wichtigkeit eines starken öffentlichen Gesundheitswesens und über Wertschätzung.

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Das Grazer Modell der Mobilen Pflege und den Erhalt und die kundenfreundliche Umgestaltung der Impfstelle sind Dinge, die KPÖ-Stadtrat Robert Krotzer durchsetzen konnte.

Sie sind als jüngster Stadtrat von Graz 2017 angelobt worden. Was haben Sie in den letzten Jahren für die Bevölkerung erreichen können?

Robert Krotzer: Da möchte ich jedenfalls das Grazer Pflegemodell erwähnen. Niemand muss in Graz ins Heim, weil er oder sie sich die Pflegedienste zuhause nicht leisten kann. Denn ein einzigartiges Zuzahlungsmodell der Stadt Graz sorgt dafür, dass allen Grazerinnen und Grazern, die mobile Pflegedienste zuhause in Anspruch nehmen, jedenfalls die Mindestpension in der Höhe von 949,46 Euro zum Leben bleibt. Die Leistungen der Hauskrankenpflege, der Pflegeassistenz oder der Heimhilfe werden dadurch für alle leistbar. Das macht es möglich, im Alter möglichst lang in den eigenen vier Wänden bleiben können.

Es ist uns auch gelungen, die städtische Impfstelle zu erhalten und sogar neu und kundenfreundlicher zu gestalten. ÖVP-Finanzstadträte wollten sie in vergangenen Perioden immer wieder schließen. Dabei nutzen 30.000 Menschen jedes Jahr das Angebot im Amtshaus.

Eine drohende Gefahr konnte glücklicherweise abgewendet werden. 2017 sah es noch so aus, als könnte die Substitutionstherapie für opioidabhängige Menschen nicht aufrechterhalten werden, weil viele Ärzte kurz vor der Pensionierung gestanden sind. Wir haben es aber durch viele Initiativen und Gespräche geschaff, bestehende Einrichtungen langfristig abzusichern und neue Ärztinnen und Ärzte für diese wichtige Versorgungsleistung zu gewinnen.
 

Was ist nicht gelungen?

Obwohl Bürgermeister Nagl 2020 zum Gesundheitsjahr ausgerufen hat, haben wir einiges nicht durchsetzen können, etwa beim Subventionsbudget für Einrichtungen. Nicht einmal einen Euro pro Grazerin und Grazer gibt die Stadt zur Unterstützung von Einrichtungen und Vereinen aus, die jeden Tag einen unverzichtbaren Beitrag für die körperliche wie seelische Gesundheit der Grazer Bevölkerung leisten. 2021 ist mir dann aber eine einmalige Erhöhung aus eigenen Mitteln gelungen.
 

Die wohl größte Herausforderung war und ist weiterhin die Corona-Pandemie.

Das stimmt. Und der Spielraum, den wir dabei hatten, war gering. Beim Contact Tracing hat die türkis-grüne Bundesregierung trotz dringlicher Warnungen die lokalen Behörden völlig im Stich gelassen. Hier muss man – auch, wenn jetzt Wahlkampf ist – Bürgermeister Nagl und Personalstadtrat Eustacchio danken, dass sie immer wieder für Personalaufstockungen gesorgt haben.
 

Wenn die Stadt Graz kaum Möglichkeiten hatte, was haben Sie dann getan?

Wir haben hingehört, wo etwas nötig ist und nach Lösungen gesucht. Ganz zu Beginn war das die Telefonkette, um so viele Neuinfektionen und schwere Verläufe wie möglich zu verhindern. Ihr Ziel war es, möglichst viele Menschen aus der Hochrisikogruppe mit deutscher und nicht-deutscher Muttersprache zu erreichen und über Gefahren und Verhaltensregeln in der Corona-Krise aufzuklären.

Später sind wir dort eingesprungen, wo die anderen nur leere Versprechungen hatten: Wir haben Besuchsboxen für Pflegeheime gefördert, damit alte Menschen Besuch von ihren Lieben bekommen konnten, wir haben den Pflegeeinrichtungen mit FFP2-Masken und Antigen-Tests zukommen lassen, als den Ankündigungen der Bundes- und Landesregierung keine Taten gefolgt sind. Wir haben im Dezember mit der Schnupfenbox am Lendplatz ein wichtiges wohnortnahes Testangebot für Menschen mit Symptomen geschaffen, jetzt sind wir dabei mit unterschiedlichen Einrichtungen und Vereinen dezentrale und unkomplizierte Impfangebote zu machen.
 

Die Pandemie hat vielen auch psychisch sehr zugesetzt. Wie ist ihr Ansatz?

Wir versuchen Akzente zu setzen. Gerade laufen die „Wochen der seelischen Gesundheit“, wo wir mit vielen Einrichtungen darauf aufmerksam machen, wie wichtig es ist, dieses Thema nicht zu vernachlässigen und psychisch erkrankte Menschen nicht im Stich zu lassen.


»Auch im Kleinen lassen sich viele Dinge verbessern und bewegen«
 

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Übertragene Aufgaben versucht Krotzer gewissenhaft und im Sinne der Menschen, die sonst keine Lobby haben, zu erfüllen.

ÖVP-Bürgermeister Nagl dachte, sie könnte Sie mit den vergleichsweise „kleinen“ Ressorts abschasseln, zu Beginn der Periode wurden Sie in einer Zeitung sogar als „Frühstücksdirektor“ bezeichnet. Wie geht man damit um?

So wie wir als Kommunisten und Kommunistinnen mit jeder Aufgabe umgehen, die man uns anvertraut: Wir versuchen, sie gewissenhaft und im Sinne der Menschen, die sonst keine Lobby haben, zu erfüllen. Auch im Kleinen lassen sich viele Dinge verbessern und bewegen. Wir haben zum Beispiel den Schulgesundheitspreis wieder ins Leben gerufen, Zecken- und Grippe-Impfangebote in Stadtteilzentren verwirklicht. Das Gesundheitsamt bietet kostenlose Ernährungsberatung für Einzelpersonen oder Gruppen an. Das günstige und wichtige Angebot von „Raus mit der Laus“ hilft vielen Eltern und Kindern in einer unangenehmen Situation.

Danken möchte ich jedenfalls auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Abteilungen, für die ich zuständig sein darf. Die sind es nämlich, ohne deren Einsatz nie gelingen könnte, was wir Politiker und Politikerinnen uns so ausdenken.
 

Sie sind auch Pflegestadtrat. Doch auch hier ist es so, dass die großen Entscheidungen von Bund und Land getroffen werden. Kann die Stadt da überhaupt Verbesserungen schaffen?

Durchaus. Von der Zuzahlung zur mobilen Pflege habe ich schon gesprochen. Aber Graz war auch in anderen Bereichen Vorreiterin. Die Pflegedrehscheibe zum Beispiel, bei der man kompetent und umfassend Antworten auf alle Fragen zum Thema Pflege bekommt. Sie ist Vorbild für ähnliche Einrichtungen in der ganzen Steiermark. Wir haben auch eine Pflegeheim-Datenbank erstellt. Auf graz.at/pflegeheimplatz kann abgefragt werden, ob und wo es in Graz freie Plätze in Heimen oder beim betreuten Wohnen gibt – und das Tagesaktuell. Mit Förderungen stellen wir kostenlose Pflegegeldberatungen sicher, machen kostenlose Musiktherapie möglich oder veranstalten gratis Konzerte in Pflegeheimen.

Wir haben den Aufbau des Netzwerks demenzfreundliche Städte in Graz unterstützt und gemeinsam mit der Steirischen Alzheimerhilfe einen Demenzratgeber herausgegeben. Man kann also durchaus etwas weiterbringen. Das möchte ich auch nach der Wahl fortsetzen.
 

Das letzte Mal war es denkbar knapp, dass Sie Stadtrat geworden sind. Wird es das wieder?

Krotzer: Ja, wir haben 2017 bis zum Dienstag nach der Wahl warten müssen. Nach der Auszählung der Briefwahlstimmen waren es dann nur 155 Stimmen, die der KPÖ den zweiten Sitz im Stadtsenat gesichert haben.

Die Stimmung ist heuer sehr gut, wir bekommen viel Zuspruch. Das bedeutet aber leider nicht, dass uns auch alle wählen, die unsere Arbeit gut finden. Wir hatten das Problem etwa auch bei der Landtagswahl 2015: die Stimmung war gut, viele haben gedacht, in den Umfragen steht die KPÖ eh gut da, also können sie „taktisch“ eine andere Partei wählen… Damals wären wir fast aus dem Landtag geflogen.
Es ist keine leere Floskel – es kommt wirklich auf jede Stimme an.

31. August 2021