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KPÖ-Hochburg Gries und Gerti Schloffer

Reportage (Aus den Salzburger Nachrichten. 28. 11. 2012)

Die Hochburg der Grazer „Kummerl“
28.11.2012
Verpasst. Im Arbeiterbezirk Gries schrammte die KPÖ nur um 14 Stimmen an Platz eins vorbei.

MARTIN BEHR Graz (SN). Sie wollte als KPÖ-Gemeinderätin in Pension gehen und hat nun einen Grazer Stadtbezirk ziemlich dunkelrot eingefärbt: Gertrude Schloffer. Mit 25,8 Prozent der Stimmen verpassten die Kommunisten im fünften Bezirk Gries den von der ÖVP gehaltenen Platz eins nur um 14 Stimmen.

„Jetzt will ich im Bezirk den Mist bei den Bushaltestellen in den Griff kriegen. Und wenn ich selbst mit Besen, Schauferl und Scheibtruhe fahre“, sagt die resolute Frau, die alle „Gerti“ nennen.

Der Gries. Ein berühmt-berüchtigter Bezirk, in dem heute 26.500 Personen, unter ihnen über 8000 Ausländer, wohnen. Der traditionelle Arbeiter- und Migrantenbezirk der Uhrturmstadt. In der Vergangenheit als „Glasscherbenviertel“ verschrien, auch heute nicht unbedingt eine Nobelgegend. Zwischen Zentralfriedhof, Schlachthof und Justizanstalt Karlau gelegen, befindet sich die Triestersiedlung. Das Epizentrum des kommunistischen Erdbebens in Graz.

Bereits 1921 war hier eine groß angelegte Arbeitersiedlung geplant worden: der nach einem SPÖ-Bürgermeister benannte „Muchitsch-Block“. Jahrzehntelang wurden diese Häuser nicht generalsaniert, noch in den späten 1990er-Jahren hatten viele Familien Wohnungen ohne eigene Badezimmer. Mit dem ab 1998 agierenden KPÖ-Wohnbaustadtrat Ernest Kaltenegger besserten sich die Lebensbedingungen. Die unter Denkmalschutz stehenden Häuser wurden renoviert, Nasszellen eingebaut. „Viele Politiker haben sich um die als ,Proletenpartie‘ abqualifizierten Bewohner nicht gekümmert. Das fällt ihnen heute auf den Kopf“, sagt Gerti Schloffer.

Triestersiedlungsblues vor dem Lokal „Bombon“. „Schau’ i aus wie a Kummerl? Der Stalin kann mich amal“, sagt ein 35-jähriger Hilfsarbeiter. Und setzt nach: „Aber der Ernstl und die Elke Kahr, die san o. k. Des san Politiker! Glaubst, der Bürgermeister Nagl hätt’ des alles für uns getan?“ Auch der Trafikant Karl-Heinz Gräber distanziert sich vom Kommunismus als Ideologie: „Darum geht’s hier ja gar nicht. Fakt ist: Die Kahr hilft den Leuten und die sind dankbar: Alle vergönnen ihr den Erfolg.“ Auch er, Gräber, habe diesmal die KPÖ gewählt: „Damit die Leute, die bei mir einkaufen, auch weiterhin noch ein Geld haben.“

Schauplatzwechsel von der Trafik in die Kirche. Elke Kahr betreibe eine politische Notversorgung und könne als authentische Figur bei den Menschen punkten, betont Hermann Glettler, Pfarrer in der Kirche St. Andrä. Die KPÖ habe sich schon vor Jahren dem „hochsensiblen Thema Wohnen“angenähert und agiere als eine Art politische Caritas. Für Glettler verfügt Kahr über die „Qualitäten eines Notarztes“. Warum die KPÖ derart die Menschen ansprechen kann? „Sie vereint Handeln in der Causa Wohnungsnot mit einem generell kapitalismuskritischem Ansatz“, sagt Pfarrer Glettler, der ebenfalls in Wohnungsfragen aktiv ist und etwa in der Sterngasse Einstiegswohnungen für Bedürftige organisiert hat.

Die KPÖ-Bezirkspolitikerin Schloffer sprudelt vor Ideen: „Mit den vor den Hauseingängen abgeladenen Gratiszeitungsstapeln werde ich auch abfahren. Denn das stört die Leut’ maßlos.“ Und der Kommunismus? „Es geht um das Recht auf Arbeit, Wohnen und Gesundheit. Dazu kann man sich ja bekennen.“ Und bekommt dabei Unterstützung vom Medienkünstler Richard Kriesche, der schon 1973 die Wohnungsnot im Barackensiedlungsprojekt „Kapellenstraße 41“ sichtbar machte: „Die keinesfalls verwerflichen kommunistischen Grundideen werden von Elke Kahr heute auf großartige Weise umgesetzt.“
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(Salzburger Nachrichten, 28. 12. 2012)

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28. November 2012