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Umfrage Lebensqualität 2018

Imagepflege für den Bürgermeister statt fundierter Datenerhebung?

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Gemeinderätin Christine Braunersreuther: „Die Befragung weist zahlreiche Mängel auf. Man muss an einer seriösen Absicht hinter der Befragung zweifeln.“

Stadträtin Elke Kahr: „Ein so wichtiges Thema wie Wohnen wird nur in einer einzigen Frage behandelt. Das gibt zu denken.“

 

Die Grazerinnen und Grazer werden alle fünf Jahre im Auftrag von Bürgermeister Nagl zur Lebensqualität in ihrer Stadt befragt. Die Ergebnisse der Befragung sollen angeblich ein Stimmungsbild der Grazer Bevölkerung abgeben sowie für die Stadtentwicklung verwendet werden. „Jedoch stellen sich bei genauerer Analyse des Fragebogens eklatante Mängel heraus, die an der Absicht einer seriösen Erhebung der tatsächlichen Lebensqualität in Graz ernsthaft zweifeln lassen“, so Gemeinderätin Christine Braunersreuther. Die Befragung dauert noch bis zum 29. April.

 

Suggestive Worte im Begleitbrief oder zu allgemeine Fragen lassen keine zuverlässigen Ergebnisse zu. „So komplexe Bereiche wie Wohnen, Sicherheitsgefühl oder Arbeitssituation lassen sich nicht mittels weniger Fragen seriös erheben“, betont Braunersreuther. „Sollte der Bürgermeister diese Studie tatsächlich ehrlich und aufrichtig für die Stadtentwicklung und nicht politisch motiviert verwenden wollen, dann müsste der Fragenkatalog dringend überarbeitet werden. Entweder macht man es gescheit oder gar nicht“, verweist Braunersreuther auf die Kosten der Erhebung, welche rund 35.000 Euro ausmachen.

 

Abgesehen von wissenschaftlichen Mängeln die der Fragebogen aufweist, ist es vor allem nicht nachvollziehbar, worauf die Schwerpunktsetzung abzielt. Es macht den Anschein, dass unangenehme Themen ausgeklammert werden. „Die Wohnsituation in Graz ist zusehends angespannt. Das betrifft alle Grazerinnen und Grazer – doch anstatt sich mit dieser brenzligen Thematik auseinanderzusetzen, wird der Bereich „Wohnen“ mit lediglich einer einzigen Frage abgehandelt“, so Stadträtin Elke Kahr. Selbst auf der Homepage der Stadt Graz ist eine EU-Studie (Quality of life in cities 2012) zu finden, laut der 70 Prozent der Grazerinnen und Grazer mit der Wohnsituation „unzufrieden“ waren.
(https://www.graz.at/cms/beitrag/10220693/7749787/EU_Umfrage_Spitzenplatz_fuer_Graz.html) Der LQI-Fragebogen greift hingegen dieses Thema nur stiefmütterlich auf.

 

 

Zum besseren Verständnis hier eine Liste von gröberen und leichteren Mängeln im Fragebogen:

Begleitbrief: Statt sehr positiv und suggestiv, sollte er neutral formuliert sein (sozialpsychologisch betrachtet: Halo-Effekt oder Priming Effekte werden ausgelöst und beeinflussen das Antwortverhalten der Befragten)
 

Im gesamten Fragebogen gibt es immer wieder Begriffe oder Fragen, die nicht klar definiert und sehr allgemein gehalten sind. Dadurch wird nicht ersichtlich, was durch die verwendeten Begriffe genau gemessen bzw. abgefragt werden soll. Beispiele.:

Der Begriff „Wohnumfeld/Stadtteil“ wird mit Sicherheit von allen Personen anders verstanden -> Eine mögliche Lösung wäre es, den Befragten pro Stadtteil eine Karte voranzustellen, aus der ersichtlich ist, was zu ihrem Stadtteil zählt und was nicht.

F1: Nahversorgungseinrichtung: zuvor wird konkret nach dem Einkauf von Lebensmitteln und Einkäufen auf Bauernmärkten gefragt; was genau sind dann Nahversorgungseinrichtungen?

F11: Zusammenleben mit Menschen verschiedener Kulturen: Was ist das? Will jemand der „wichtig“ ankreuzt, mit fremden Kulturen zusammenleben oder nicht? Oder ist jemand, der „zufrieden“ ist mit der Kulturenvielfalt zufrieden oder damit, dass in seinem Wohnumfeld kaum fremde Kulturen zuhause sind.

F2: ÄrztInnen: Was genau ist gemeint? HausärztInnen, Krankenhäuser oder Spezial-ÄrztInnen -> dies sollte genauer ausdifferenziert werden

F4: derzeitiger Wohnraum: Um hier interessante und verwertbare Aussagen zu bekommen, müsste hier ausdifferenziert werden, z.B. Größe, Miete/Besitz, Art des Wohnraums (Wohnung, Haus etc).

F8: Gleichbehandlung am Arbeitsplatz: Auch hier sollte ausdifferenziert werden, um welche Art der Diskriminierung am Arbeitsplatz es sich handelt. Auch wird nicht abgefragt, wo (an welchem Ort (Graz?) oder welchem Stadtteil) die Person arbeitet.
 

Anmerkungen zum soziodemographischen Teil:

A2 und A3: Ohne Angabe eines Bezugspunktes sind die Ergebnisse dieser Frage sinnlos. Es macht einen Unterschied, ob der/die Befragte Graz mit Linz oder Neu Delhi vergleicht. Deswegen sind die Ergebnisse dieser Fragen nicht verwendbar.

AA2: Alterskategorien sind sehr groß und nicht durchdacht. Es wäre auf jeden Fall wichtig, die Gruppe zwischen 20-39 Jahren aufzusplitten, da sonst sehr viele Lebenslagen vermischt werden. Auch die Gruppe 60-79 sollte aufgeteilt werden, um besser verwertbare Daten über Pension, Pflegebedürftigkeit usw. erzielen zu können.

AA3: Wer fällt in die Kategorie „ÖsterreicherIn mit Migrationshintergrund“? Sind ÖsterreicherInnen, die selbst aus dem Ausland kommen, oder deren Eltern oder Großeltern oder Ururgroßeltern, gemeint?

AA3: Wird vermutet, dass für ÖsterreicherInnen mit und ohne Migrationshintergrund ein unterschiedlicher Anspruch der Lebensqualität gilt?

AA4: „in sonstiger Lebensform lebend“ Was ist das?

AA7: Darüber hinaus ist nicht vorgesehen, dass Studierende auch arbeiten könnten.
 

Im gesamten Fragebogen scheint die bei Befragungen ansonsten übliche Antwortmöglichkeit „nicht relevant/Keine Angabe“ nicht auf. Dadurch entstehen Verzerrungen bei der Auswertung des Fragebogens, da 5 (=sehr unwichtig) nicht gleichbedeutend mit „nicht relevant“ ist. Man weiß also nicht, ob Personen, die bei der Frage nach der Wichtigkeit, die die „5“ angekreuzt haben, „nicht relevant“ oder „sehr unwichtig“ meinen.
 

Der gesamte Fragebogen erlaubt keine Möglichkeit, dass Personen Anmerkungen oder Begründungen darlegen können.

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Der LQI-Fragebogen
pdf, 1.1M, 26-04-18

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26. April 2018