„Meine Verwandten in Afghanistan sind hilflos“

Ein Kommentar der Grazer Gemeinderätin Sahar Mohsenzada

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Die Leidtragenden in Afghanistan sind vor allem die Kinder. Symbolfoto: Armyamber, Pixabay

Die Nachrichten über mein Heimatland, das Land in dem ich nicht nur zur Welt gekommen bin, sondern deren jahrhundertealte Kultur und Geschichte mich geprägt haben, erschüttern mich seit gestern bis tief in die Knochen. Immer wieder bemerke ich, wie sich meine Gedanken wiederholen: „Bitte, lass es nicht wie damals sein, bitte lass sich die Geschichte nicht wiederholen.“

Und doch sitze ich vor dem Bildschirm und sehe die Bilder der Taliban, wie sie Afghanistan, mein Heimatland, einnehmen. Mir wird schlecht als ich die heutigen Bilder und Videos aus Kabul anschaue.

Der Sieg der Taliban kam aber nicht unerwartet. Hinter dieser „plötzlichen Entwicklung“ steckt die langjährige Politik der USA und ihrer regionalen Verbündeten, allen voran Pakistan, die klar gegen einen unabhängigen afghanischen Staat ist. Die Afghanische Bevölkerung wurde von den USA an die Taliban ausgeliefert.

Nach einem Telefonat mit meinem Vater, das mir Klarheit bringen sollte, versuche ich noch immer alles zu verstehen. Die Realität ist schlimmer als in den Videos gezeigt wird, die Menschen sind alle zum Flughafen geflohen, in der Hoffnung, dem Alptraum zu entfliehen. Es geht soweit, dass Menschen auf die letzten Flugzeuge steigen, sich an den Flügeln der Maschinen festhalten – nur um irgendwie aus dem Land zu kommen. Bei den Versuchen gab es auch einige Tote.

Meine verbliebenen Verwandten sind hilflos. Sie haben nicht um sich Angst, sondern um ihre Kinder: Ihre Töchter, die komplett aus dem Alltag ausradiert werden sollen, die weder in die Schule gehen – geschweige denn weiter studieren werden können, die wieder zuhause eingesperrt und nur in Begleitung eines Mannes das Haus verlassen werden können. Ihre Söhne, die sich lange Bärte wachsen lassen müssen, um die Regeln und Pflichten dieser religiösen Extremisten zu folgen, um nicht ermordet zu werden.

Ich hoffe, dass sich nicht alles wiederholt, wie damals, vor 29 Jahren, als wir aus Afghanistan geflohen sind, doch ich befürchte noch schlimmeres. Dies sind alles Folgen von 20 Jahren Besatzung und das ist das Resultat? Es ist nicht von heute auf morgen passiert, das Land konnte nur so schnell übernommen werden, weil es schon lange instabil war.

Schockiert bin ich aber nicht nur über die grauenhaften Szenen, die sich gerade in Afghanistan abspielen, sondern auch darüber, wie in diesen dunklen Stunden Innenminister Nehammer verlautbart „So lange abschieben, wie es geht“ und weiterhin Menschen in ein Land abschieben möchte, das von einer radikal-islamistischen Terrorgruppierung eingenommen wurde, die Zivilisten unterdrückt und tötet.

 

Dazu sage ich „schämt euch!“ Dafür, dass ihr bewusst Menschen in den Tod schicken wollt. Dafür, dass ihr jegliche Menschlichkeit verkauft.

Ich will die türkis-grüne Regierung nochmal daran erinnern: DAS SIND MENSCHEN. Diese Menschen sind in Lebensgefahr! Die Afghan:innen brauchen in dieser Stunde mehr denn je Solidarität und Menschlichkeit. Die Weltöffentlichkeit muss Farbe bekennen und mit allen Mitteln die afghanische Bevölkerung unterstützen.
 

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Mag.a Sahar Mohsenzada ist Finanzsprecherin der KPÖ im Grazer Gemeinderat. Vor 29 Jahren flüchtete sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester aus Afghanistan.

Kontakt: sahar.mohsenzada@kpoe-steiermark.at

17. August 2021