»Österreich war überhaupt nicht vorbereitet!«

Über ihren Arbeitsalltag im Shutdown, den Pflegenotstand und gesundheitspolitische Lehren aus der Corona-Krise hat das Grazer Stadtblatt mit Dr. Hans Peter Meister und dem Grazer Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer gesprochen.

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Symbolfoto: Engin Akyurt, Pixabay

Lesezeit: 11 Minuten

 

Wie sieht derzeit der Alltag in Ihrer Praxis aus und im Stadtratsbüro?

Dr. Hans Peter Meister: Wir versuchen, den Zugang deutlich zu erleichtern. Mittlerweile haben wir wenigstens ein Mindestmaß an Schutzausrüstung erwerben können.

Das war umständlich und aufwändig, weil die nötigen Materialien lange nicht lieferbar waren. Dennoch war es dringend erforderlich, um den Schutz der Mitarbeiterinnen ebenso wie jenen der Patienten und Patientinnen und natürlich auch den eigenen zu gewährleisten.

Die Patienten werden nur mit Mund-Nasen-Schutz-Masken eingelassen, wobei das – aus mir nicht ganz verständlichen Gründen – zwar für Geschäfte, aber nicht für Arztpraxen vorgeschrieben ist. Außerdem wird bei allen beim Eintritt die Temperatur gemessen. Wir bitten um telefonische Voranmeldung und lassen nur maximal zwei Personen gleichzeitig ein, die wir räumlich leicht trennen können. Nach wie vor versuchen wir, vieles telefonisch zu regeln.

Dadurch, dass wir nun ein wenig Schutzausrüstung haben, sind auch Visiten wieder möglich, aber sehr umständlich. Die regelmäßigen Kontrollen chronisch Kranker, die einen wesentlichen Teil der hausärztlichen Aufgaben ausmachen, werden wir jetzt auch wieder in vollem Umfang durchführen. Längere Gespräche, wie sie derzeit oft aufgrund der angespannten psychosozialen Lage der Menschen notwendig sind, führe ich lieber telefonisch, um die physischen Kontaktzeiten auf unter zehn Minuten zu beschränken.

Es ist mühsam und zeitaufwändig so zu arbeiten, aber es geht.

Robert Krotzer: Soziale Notlagen kennen keinen Shutdown. Der Parteienverkehr und die persönlichen Beratungen im Rathaus können zwar bis auf weiteres nicht stattfinden, per E-Mail oder Telefon wir sind aber natürlich weiterhin für alle da, die Hilfe suchen.
 

Was tun im akuten Krankheitsfall, wenn es sich nicht gerade um einen Corona-Verdacht handelt? – Wo kann man überhaupt noch hingehen?

Dr. Meister: Das hängt davon ab, wie akut das Geschehen ist. Wenn es ganz schlimm ist, empfehlen wir durchaus, den Rettungsnotruf wählen. Ansonsten sollte man den Hausarzt anrufen und sich beraten lassen. Wir haben jetzt zwei zusätzliche Smartphones zum Rückrufen aktiviert, sodass die Leitungen für Anrufe rascher wieder frei werden.


War Österreich auf die Pandemie vorbereitet? Hat man rechtzeitig reagiert?

Dr. Meister: Österreich war überhaupt nicht vorbereitet!

Seit der SARS- und MERS-Welle sind Coronaviren Hauptthemen medizinischer Forschung. In China wurde 2019 eine Studie veröffentlicht, die auch in namhaften amerikanischen Zeitschriften publiziert wurde, die den Ausbruch einer von Coronaviren verursachten Epidemie in naher Zukunft, ausgehend von China, prognostizierte. Die VR China erarbeitete daraufhin einen Alarmplan für das ganze Land und informierte auch die WHO. Es wurden Vorräte an Masken und Desinfektionsmittel angelegt.

Als in Wuhan die ersten Fälle von atypischen Lungenentzündungen gemeldet wurden, wurde dieser Plan aktiviert. Alle Journalisten, die sich derzeit am China-Bashing erfreuen, müssten sich fragen, warum die Covid–19-Epidemie in China nicht das ganze Land erfasst hat, in Europa aber alle Länder der EU. Da gibt es einen Unterschied!

Was heißt vorbereitet: Bei solchen neuen virusbedingten Erkrankungen kommt es vor allem auf die rechtzeitige Bereitstellung von Schutzausrüstung an, also Desinfektionsmittel auf Äthanolbasis, Schutzmasken (MNS, FFP2, FFP3), Schutzbrillen und Schutzanzügen in ausreichender Menge.

Im Pandemieplan der EU waren solche Banalitäten vorgesehen. Offenbar landete dieser allerdings in einer Schublade.

Die nächste Aufgabe ist dann die Bereitstellung von Tests, um Infizierte zu erkennen und zu isolieren. China hat den genetischen Code von COVID 19 bis Jänner entschlüsselt und sofort öffentlich gemacht, um den Staaten der Welt die Entwicklung eigener Testkits zu ermöglichen. Wir hinken da aber noch immer nach.


Die Bundesregierung hat Mitte März mit dem Shutdown begonnen. War das die richtige Entscheidung?

Dr. Meister: Nachdem es sonst nichts gab – keine ausreichenden Testmöglichkeiten, keine Schutzausrüstung – war es eine richtige Entscheidung. Vielleicht hätte die Entscheidung früher getroffen werden sollen, aber ich vermute, dass ohne die Bilder aus Norditalien die Bevölkerung den Shutdown nicht akzeptiert hätte.

 

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„Vielen Menschen wird jetzt klar, dass der Kapitalismus im Gesundheitswesen nicht funktioniert“, sagt Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer.

Wesentliche Entscheidungen werden ja auf Bundes- und Landesebene getroffen. Was hat die Stadt Graz konkret tun können?

Krotzer: Besonders hervorheben muss man die Leistungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitsamtes der Stadt Graz sowie alle dort helfenden Hände. Das Gesundheitsamt war und ist während der Corona-Pandemie eine zentrale Einrichtung der Stadt zum Schutz der Grazer Bevölkerung. Tausende Menschen wurden und werden vom Gesundheitsamt kontaktiert, informiert und beraten – und zugleich unzählige Anfragen kompetent beantwortet.

Sehr schnell ist es gelungen, gemeinsam mit vielen Vereinen das Projekt Grazer Telefon-Kette gegen COVID-19 zu initiieren. Ziel war es, möglichst viele Menschen aus der Hochrisikogruppe mit deutscher und nicht-deutscher Muttersprache zu erreichen und fundiert über Gefahren und Verhaltensregeln in der Corona-Krise aufzuklären. Wir sind dabei, das Projekt in eine zweiten Phase zu führen, um die Menschen in der Hochrisikogruppe für einen „gelockerten“ Alltag vorzubereiten und mit den Informationen zu versorgen.


Große Verunsicherung herrscht bei Menschen, die Pflege brauchen, und ihren Angehörigen. Die 24-Stunden-Betreuerinnen fallen aus, die Kapazitäten in den Pflegeheimen stoßen an die Grenzen.

Krotzer: Die Coronakrise hat den Pflegenotstand noch einmal verschärft. Darum war es uns ein Anliegen, eine einfach bedienbare Datenbank über die Verfügbarkeit von Pflegeplätzen zur Verfügung z stellen. Auf graz.at/pflegeheimplatz kann jetzt tagesaktuell abgefragt werden, ob und wo es freie Plätze in Heimen oder beim betreuten Wohnen gibt. Das kommt vor allem SozialarbeiterInnen und dem Entlassungsmanagement der Spitäler bei der Arbeit zugute. Selbst die Information, dass im gewünschten Heim kein Platz frei ist, ist wichtig, weil sie den Betroffenen viele Telefonate erspart.

Wichtiger denn je war auch die Pflegedrehscheibe, die alles daran setzt, dass allen Menschen, die auf Pflege und Betreuung angewiesen sind sowie ihren Angehörigen bestmöglich geholfen werden kann.


Gibt es schon politische Schlüsse, die man ziehen kann oder ziehen muss?

Krotzer: All unsere Warnungen, die etwa die Bettenreduktionen, die Schließungen von Abteilungen oder ganzen Spitälern oder die Privatisierungen im Gesundheitssystem betreffen, haben sich bewahrheitet. 63 Mal hat die EU ihre Mitgliedsstaaten zwischen 2011 und 2018 zu Kürzungen oder Privatisierungen im Gesundheitsbereich aufgefordert, wie der Wirtschaftsprofessor Walter Ötsch recherchiert hat. Mit dieser Logik muss jetzt gebrochen werden. Schon bisher waren die Wartezeiten für nötige Operationen sehr lang. Das hat sich jetzt noch einmal verschärft. Ein Ausbau der Kapazitäten wird zum Gebot der Stunde.

Vielen Menschen wird jetzt klar, dass der Kapitalismus im Gesundheitswesen nicht funktioniert.

Die herrschenden Parteien haben in unterschiedlicher Ausprägung Gesundheitspolitik nur anhand von Budgetzahlen diskutiert. Bei allen gesundheitspolitischen Maßnahmen müssen aber das Wohl der Patienten und Patientinnen auf der einen Seite und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten auf der anderen Seite im Mittelpunkt stehen. Das sind nämlich zwei Seiten einer Medaille.

Dr. Meister: Das österreichische Gesundheitssystem ist noch immer weitgehend in öffentlicher Hand, da sowohl EU-Vorgaben als auch dringende Vorschläge des Rechnungshofes, die Gesundheitsausgaben zu reduzieren, in der Vergangenheit zum Glück nicht in vollem Umfang umgesetzt wurden.

Das bedeutet in der momentanen Situation einen großen Vorteil im Unterschied zu Ländern, die diesen Vorgaben gefolgt sind. Folglich scheint hier im Augenblick ein Umdenken stattzufinden, und wir sollten energisch und eindeutig wie bisher Stellung für eine angemessene Finanzierung des Gesundheitssytems beziehen.

Die Digitalisierung der Medizin bringt gewiss Vorteile für die jüngeren Generationen, die Möglichkeit des elektronischen Rezepts erleichtert momentan die Versorgung der Kranken mit Arzneien.

Aber für mich sind virtuelle Patientenkontakte anstrengend und unwirklich. Was heißt das?

Ein Mensch hat Beschwerden und tritt vor mich hin, sein Aussehen, die Art zu sprechen, zu atmen, sich zu bewegen, vermitteln einen wesentlichen Eindruck, der mitentscheidet wie ich die Aufzählung der Beschwerden gewichte. Im Telefonat fehlt das. In der Telemedizin kommt dazu, dass der Patient auch das Programm mitbedienen muss. Aufgrund meines Alters werde ich diese Technik nicht mehr verwenden.

 

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„Die EU-Kommission hat Anfang Jänner bei den Ministern angefragt, ob die Kommission größere Mengen an Schutzausrüstung bestellen soll. Alle – auch Anschober – haben gemeint, sie schaffen das alleine, sie haben alles im Griff“, betont Dr. Hans Peter Meister.

Schweden geht den Weg nur Risikogruppen abzusondern und das öffentliche Leben aufrecht zu erhalten – hat aber fast dreimal so viele Tote zu verzeichnen.

Dr. Meister: Schwedens Weg ist sehr verschieden vom Weg der meisten anderen Länder. Erst nach dem Ende der Pandemie werden wir wirklich vergleichen können. Aber ich habe ein unangenehmes Gefühl: Die Schweden gehen davon aus, dass wir mehrere Infektionswellen haben werden und am Ende die gleiche Anzahl Toter pro 1000 Einwohner. Wenn das richtig ist, bedeutet das, dass bei uns viele Menschen eine gewisse Zeitspanne länger leben, in Schweden aber früher sterben. Das gefällt mir nicht.


Angesichts der explodierenden Arbeitslosigkeit, der eingeschränkten Behandlungen anderer Krankheiten in den Spitälern und Praxen und auch den psychosozialen Folgen des Shutdowns fragen viele, ob es Alternativen gegeben hätte – oder gibt. Wie sehen Sie das?

Dr. Meister: Alternativen hätte es bei ausreichender Vorbereitung geben können, beispielsweise  Einreisekontrollen, oder die in Taiwan bereits Ende Dezember/Anfang Jänner formulierten 124 Maßnahmen (nachzulesen im Journal of American Medical Association), Bereitstellung von ausreichend Schutzausrüstung für das medizinische und Pflegepersonal, Beschaffung von ausreichend PCR-Tests um Infizierte und ihre Kontakte zu identifizieren und zu isolieren. Dann hätte man sich den Shutdown – vielleicht – ersparen können.

Die EU-Kommission hat übrigens Anfang Jänner bei den Gesundheitsministern angefragt, ob die Kommission größere Mengen an Schutzausrüstung bestellen soll. Alle – auch Anschober – haben gemeint, sie schaffen das alleine, sie haben alles im Griff. So kann man sich irren.

Krotzer: Die finanziellen Sorgen durch Kurzarbeit oder die enorm gestiegene Arbeitslosigkeit machen immer mehr Menschen zu schaffen. Leider nehmen auch Alkoholismus und häusliche Gewalt zu. Viele Sozial- und Gesundheitsberatungsstellen haben flexibel, professionell und schnell reagiert. Das zeigt, wie wichtig ihre Arbeit ist.


Die Ausgangsbeschränkungen stellen viele Menschen vor eine harte Belastungsprobe. Nationalratspräsident Sobotka hat den Leuten geraten, sie sollen jetzt raus „in den Garten“ gehen.

Krotzer: Diese Aussage wurde zurecht mit Marie Antoinette und „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“ verglichen. Fakt ist: Der Shutdown triff wirtschaftlich schwache Menschen viel härter. Was tun, wenn man nur eine kleine Wohnung hat, ohne Garten oder Balkon? Die räumliche Enge befeuert psychische Probleme. Darum ist es jetzt wichtig, dass die Menschen sich wieder freier bewegen können – klarerweise unter Einhaltung von Schutzbestimmungen.


Vielfach wird Covid–19 mit der saisonalen Grippe verglichen. Ist dieser Vergleich zulässig?

Dr. Meister: Vergleichen kann man auch Äpfel mit Erdäpfeln. Wie wir wissen, schmecken sie ganz verschieden.

An der Influenza erkranken jährlich etwa 8 Prozent Ärztinnen und Pfleger, aber dass über Hundert Ärzte und Ärztinnen in einer Region wie der Lombardei daran sterben, wie wir es bei Covid sehen, ist mir nicht bekannt. In Italien gibt es eine Studie, die die durchschnittliche jahreszeitliche Sterblichkeit der letzten 20 Jahre mit jener in den Monaten Jänner bis März 2020 vergleicht: sie hat sich vervielfacht! Für eine derartige Veränderung braucht es eine externe Ursache: Gibt es eine außer COVID? Die Luftverschmutzung war schon länger da.


Haben Sie selbst Angst, sich zu infizieren? Wie gehen Sie damit um?

Dr. Meister: Ich zähle mit 65 Jahren zur Risikogruppe. Bronchopulmonale Infekte jeder Art machen mir immer zu schaffen. Deshalb habe ich großen Respekt vor diesem Virus. Ich möchte ihn nicht persönlich kennenlernen. Ich versuche mein Wissen bestmöglich anzuwenden, um mich und andere zu schützen. Aber Angst? Würde mir die schönen Augenblicke verderben, die es auch in dieser Zeit gibt.


Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn der Shutdown beendet ist?

Dr. Meister: Auf die Rückkehr meiner Frau, die derzeit meiner fast neunzigjährigen Schwiegermutter beisteht, auf lebhafte, analoge Diskussionen im Freundes- und GenossInnenkreis, auf Theater und Musikveranstaltungen. Auf Gastgärten- und Almhüttenbesuche.

Krotzer: Dem schließ ich mich an. Auch ich freu mich darauf, einen warmen Abend mit Freunden und Freundinnen in einem Gastgarten zu verbringen.


Abschlussfrage: Was lesen und schauen Sie derzeit? Was können Sie den Lesern und Leserinnen empfehlen?

Dr. Meister: Ich beende grade ein 1000-seitiges Buch über die Geschichte der Völkerwanderung von Mischa Meier sowie Daniel Bensaids Walter Benjamin. Links des Möglichen. Danach werde ich mich dem neuen Buch von Thomas Piketty Kapital und Ideologie widmen, und dazwischen ein bisschen Lyrik, Paul Celan, Bertolt Brecht, Rose Ausländer zum Entspannen. Musik und Filme nach Gusto und Zeit – Klassik, Zappa, Avantgarde – Fantasy, Thriller, Regiekino.

An Zeitschriften, die sich mit dem Thema beschäftigen, würde ich Lunapark, die deutsche Ausgabe der Le Monde diplomatique und Monthly Review empfehlen – alles auch im Netz zu finden.

Krotzer: „Peaky Blinders“ über Gangster, Politik und soziale Verhältnisse in Birmingham in der Zwischenkriegszeit, oder „Babylon Berlin“, eine Serien-Adaption der großartigen Krimis von Volker Kutscher, die man auch lesen sollte, wären meine Tipps. Lesenswert finde ich jedenfalls die Webseiten der Zeitungen Junge Welt, Der Freitag oder des Hintergrund-Magazins.

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1. Mai 2020