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Wir sind arm

Lokalaugenschein in der Slowakei

Die Grazer Psychotherapeutin Hanna Caspaar hilft bei Dorfentwicklung und Bildungsprogrammen in der Slowakei. Weitere Hilfe ist ist willkommen, genauso wie Spenden und Stellungnahmen an die Slowakische Regierung.

 

Urlaub: Romantische Dörfer in verkehrsloser Ruhe, eingebettet in riesige Weizenfelder. Schön.

Meine Klimaanlage verschleiert, dass hier Menschen ohne Kanalisation, Trinkwasserversorgung und Strom leben. Daß Kinder durch Brunnenwasser an Nierenversagen oder Durchfall sterben, sieht kein Durchreisender.

Das nächste gute Krankenhaus ist 70 Kilometer - auf schlechten Straßen- weit weg. Dies autofreie Dorf hat Störche über der Sandstraße und kein Geschäft, Schule, Arzt, Post. Kein Bus fährt nach Martinova, nicht am Wochenende, nicht an Werktagen, kein Schulbus, keine Ambulanz. Viele Kinder spielen miteinander, sie sprechen ungarisch, was man ihnen in Ämtern und sogar in der Schule verbieten wird, falls sie den Fußmarsch ins nächste Dorf schaffen.  3% Erwachsene haben Übergewicht, im Rest der Slowakei sind es 40 %. Mangel an allem, kein Kind kennt Bücher. Aggression, wie in Stadtrand-Plattenbaughettos, gibt es nicht. 2010 stürzten durch 2 Überschwemmungen etliche Lehmziegel-Häuser ein: man rückte zusammen. Jeder hilft jedem, emotional, denn mehr hat hier keiner.  
Wo war ich? Fernost? Nein, 2011 mitten in Europa in einer geförderten Region mit zweisprachigen Ortstafeln. Bei einigen der Roma, die sogar 1945 überlebten. Früher K&K-zugehörig. Dürer und die Heilige Elisabeth sind aus der Gegend. Andere Dörfer blühen bescheiden auf, ihr Standard gleicht sich an unseren an.

Wo ist der Bürgermeister? Sein Haus am Hügel, hochwassersicher, hatte die einzige private Dusche und Toilette weit und breit; war Tante-Emma-Laden mit Strom, Amts- und Imbiss-Stube gleichzeitig. Dies verfällt, jahrelang unbenützt, zugesperrt seit seinem Verschwinden mit den Fördergeldern.
So bleiben sie romantisch, die vergessenen Dörfer im Süden der Slowakei, meist für Roma.  Bis vor kurzem kehrten einige der arbeitslosen BewohnerInnen stolz mit ein paar erbettelten Euros aus Graz zurück. Das reichte für 3 Sack Zement, 3 Tage Gyulaschsuppe und die Babies bekommen dann Wasser aus Mineral-flaschen statt aus dem Hausbrunnen. Sie leben trotzdem noch, meine herzlichen Roma-Gastfamilien.
Wenn wir nicht hinschauen, schaut auch die Slowakische Regierung weiter weg und die EU ist unerreichbar: kein Telefon im Dorf, weil Handy Luxus ist.


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Mitarbeit bei Dorfentwicklung und Bildungsprogramm-Aufbau ist willkommen, genauso wie Spenden und Stellungnahmen an die Slowakische Regierung.
Durch den Tod von Kindern wurde ich als Obfrau des Vereins Verwaiste Eltern auf Verhältnisse im Nachbarland aufmerksam. Daher besuchte ich vor Ort einige Betroffene und erfuhr sehr viel mehr, trotz der offiziellen Nichtexistenz einer ethnischen Diskriminierung.  

                  
U. Johanna Caspaar, Richard Varga, Zsolti Berki
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Rückfragen: Tel. 0043- 0664 5336044

6. August 2011